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Die Straße von Hormus ist seit Kriegsbeginn Ende Februar gesperrt, rund ein Fünftel des weltweiten Ölbedarfs kommt dort nicht mehr durch, und die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran produzieren wöchentlich neue Kehrtwenden. Donald Trump nennt das eine Schachpartie und gibt sich demonstrativ unbeeindruckt. Der Iran stellt Bedingungen, die einer vollständigen Kapitulation der Gegenseite gleichkämen: Aufhebung der Seeblockade, Abzug der US-Streitkräfte, vollständige Sanktionsaufhebung, Freigabe eingefrorener Vermögenswerte. Wenige Tage zuvor hatten beide Seiten noch von einer absehbaren Einigung gesprochen.
Wer diese Entwicklung als geopolitisches Patt abhakt, übersieht die Kommunikationsdynamik darunter. In der Straße von Hormus lässt sich beobachten, was passiert, wenn zwei Akteure ihre öffentlichen Botschaften vor allem für die eigene Anhängerschaft formulieren und dabei Schritt für Schritt den Spielraum verlieren, in dem eine Verständigung überhaupt möglich wäre. Dieselbe Mechanik wirkt in Konflikten weit unterhalb der Weltpolitik: im Tarifstreit, in einer regulatorischen Auseinandersetzung, im öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Gesellschaftern.
Warum öffentliche Bedingungen den Kompromiss verteuern
Trump kommuniziert nach innen: Er ist der Mann, der dem Iran die Stirn bietet, wirtschaftlichen Druck ausübt und trotzdem die härtesten Angriffe im letzten Moment absagt, weil er es so entschieden hat. Der Iran kommuniziert ebenfalls nach innen, denn die Revolutionsgarden und die Hardliner sollen sehen, dass Teheran keine Zugeständnisse unter Druck macht und den Anspruch auf die Kontrolle der Meerenge nicht aufgibt. Für das jeweils eigene Publikum sind beide Botschaften funktional; im Verhältnis der beiden Seiten zueinander machen sie eine Verständigung erheblich schwerer, weil sich öffentlich erklärte Bedingungen kaum geräuschlos zurücknehmen lassen, ohne dass die eigene Seite das als Gesichtsverlust verbucht. Jede Formulierung, die heute Stärke zeigt, verkleinert den Korridor, in dem morgen ein Kompromiss möglich wäre.
Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz hat das auf X eingeordnet: Wirtschaftlicher Druck allein werde den Iran nicht zu einer Kapitulation am Verhandlungstisch zwingen, weil es dabei um strategische Interessen geht, die öffentlich artikuliert und damit innenpolitisch gebunden sind. Das ist eine nüchterne Beschreibung eines Mechanismus, den Kommunikationsverantwortliche auch dort kennen sollten, wo es nicht um Öltanker und Seeblockaden geht. Welchen Preis die Beteiligten in einer solchen Lage für ihr Schweigen zahlen, habe ich an anderer Stelle am Schweigen der Diplomatie im Golfkonflikt beschrieben; die Bedingungen, die jetzt öffentlich auf dem Tisch liegen, sind die andere Hälfte desselben Problems.
Das Mehrpublika-Problem in der strategischen Unternehmenskommunikation
In der Unternehmenskommunikation wiederholt sich dieses Muster mit beunruhigender Regelmäßigkeit. Ein Kommunikationsteam gerät unter Druck – durch einen öffentlichen Konflikt, eine Krise, eine unbequeme Nachfrage – und formuliert eine Stellungnahme, die gleichzeitig die Belegschaft beruhigen, die Medien zufriedenstellen, Investoren nicht verschrecken und die eigene Führungsebene gut aussehen lassen soll. Heraus kommt meistens ein Text, der keines dieser Ziele erreicht, weil er entweder so allgemein bleibt, dass er nichts aussagt, oder weil er widersprüchliche Signale sendet, die aufmerksame Leserinnen und Leser sofort bemerken. Der Schaden wird selten am Tag der Veröffentlichung sichtbar, sondern meist in der zweiten Welle der Berichterstattung, wenn Redaktionen die Stellungnahme neben die Aussagen der anderen Beteiligten legen.
Die Entscheidung, welches Publikum in einem konkreten Moment Priorität hat, gehört zur Kommunikationsleitung, und sie muss fallen, bevor der erste Entwurf in die interne Abstimmung geht. Geschieht das nicht, schreibt jede Hierarchieebene ihren eigenen Adressaten in den Text hinein, bis die Rechtsabteilung am Ende alles streicht, was später zitiert werden könnte. Das Ergebnis trägt formal alle Merkmale einer Stellungnahme und erfüllt trotzdem keine kommunikative Funktion mehr. Wer diesen Abstimmungsweg einmal von innen gesehen hat, erkennt darin einen der häufigsten Gründe dafür, dass Organisationen mit hoher fachlicher Kompetenz öffentlich blass wirken.
Reputationsmanagement beginnt bei der Rückzugsoption
In eskalierenden Situationen wird selten zu wenig kommuniziert; das eigentliche Problem entsteht, wenn Positionen öffentlich gemacht werden, bevor intern Einigkeit über die Rückzugsoptionen besteht. Eine Unternehmensführung, die in einem laufenden Konflikt öffentlich Bedingungen formuliert – gegenüber einem Tarifpartner, einem kritischen Medium oder einer Aufsichtsbehörde –, legt damit zugleich fest, was in diesem Konflikt als Niederlage gilt. Sobald diese Grenze gezogen ist, kostet jede Kurskorrektur doppelt: einmal den sachlichen Preis des Kompromisses und einmal den Reputationspreis des öffentlichen Rückzugs. Reputationsmanagement beginnt deshalb lange vor der ersten Formulierung, nämlich bei der internen Verständigung darüber, welches Zugeständnis später möglich sein soll, ohne dass die eigene Glaubwürdigkeit dabei beschädigt wird.
Für die Krisenkommunikation lässt sich daraus eine Regel ableiten, die auch dann noch trägt, wenn niemand mehr über die Straße von Hormus spricht: Wer eine Position öffentlich macht, bevor intern Konsens über die Rückzugsoptionen besteht, handelt sich eine zweite Krise ein, die schwerer zu bearbeiten ist als die erste. Die erste Krise ist in aller Regel ein Sachproblem, für das es Fachleute, Zahlen und Verfahren gibt, während die zweite eine Glaubwürdigkeitskrise ist, gegen die auch die nächste Stellungnahme wenig ausrichtet. Dass sich Glaubwürdigkeit nicht herstellen lässt, solange Handlung und Haltung auseinanderfallen, gilt in Führungsfragen genauso wie in politischen Konflikten. Praktisch heißt das: Die Geschäftsführung gibt die Bandbreite möglicher Zugeständnisse frei, bevor die erste Medienanfrage eingeht, und die Pressestelle kennt diese Bandbreite, bevor sie den ersten Satz nach außen gibt.
Der Frühindikator: parallele Aussagen ohne Sprachregelung
Das zuverlässigste interne Signal für eine drohende Positionsfalle sind parallele Aussagen verschiedener Abteilungen oder Hierarchieebenen, für die es keine gemeinsame Sprachregelung gibt. Sichtbar wird das in der Berichterstattung, sobald Zitate aus derselben Organisation nebeneinanderstehen und sich in den Nuancen nicht decken. Im Iran-Konflikt ist genau das zu beobachten: Trump erklärt, seine Regierung sei an den Verhandlungen beteiligt, der Iran bestreitet das, und beide Seiten beziehen sich dabei auf dieselbe Situation. In den Medien entsteht daraus das Bild einer Verhandlung, die niemand wirklich unter Kontrolle hat. Für Unternehmen gilt dieselbe Logik in kleinerem Maßstab, etwa wenn ein Vorstandsmitglied auf LinkedIn eine Einschätzung teilt, die die offizielle Sprachregelung um eine Nuance verschiebt.
Der typische Fehler liegt im Zeitpunkt der Koordination: Die Sprachregelung wird abgestimmt, nachdem der erste Widerspruch in der Berichterstattung aufgetaucht ist, und von da an kämpft die Organisation gegen ein Narrativ, das sie selbst erzeugt hat. Wer dagegen vor der ersten Anfrage klärt, wer sprechen darf und welche Kernaussagen in jeder Antwort vorkommen, verliert in der Sache nichts und gewinnt an Beweglichkeit. Medienarbeit unter Druck besteht zu einem großen Teil aus Vorarbeit, die Wochen vorher stattfindet und die im Ernstfall niemand mehr nachholen kann. Organisationen, die das ernst nehmen, fallen in Krisen vor allem dadurch auf, dass ihre Aussagen sich decken – über Abteilungen, Hierarchieebenen und Kanäle hinweg.
Positionierung braucht Publikumsklarheit
Thought Leadership und strategische Unternehmenskommunikation scheitern an derselben Stelle, wenn sie zu viele Adressaten gleichzeitig bedienen wollen: Eine Position, die niemanden verprellen soll, ist am Ende eine Verwaltung von Erwartungen und kostet mehr, als eine klare Stellungnahme gekostet hätte. Das gilt für die Diplomatie in der Straße von Hormus ebenso wie für die Stakeholder-Kommunikation eines mittelständischen Technologieunternehmens, das Kunden, Bewerberinnen, Kapitalgeber und die eigene Belegschaft gleichzeitig im Blick hat. Die entscheidende Kompetenz liegt in der Analyse, die der Stellungnahme vorausgeht: Welches Publikum entscheidet in dieser Situation über den Handlungsspielraum, und was lässt sich diesem Publikum glaubwürdig sagen, ohne gegenüber den anderen Gruppen in eine Lage zu geraten, aus der es keinen Ausweg mehr gibt? Diese Abwägung findet statt, bevor der erste Satz geschrieben wird, und sie entscheidet über die Wirkung des gesamten Textes.
Für die Positionierung von Führungskräften – Executive Positioning – folgt daraus eine unbequeme Konsequenz. Wer öffentlich Haltung zeigt, muss vorher wissen, welche Widersprüche er sich damit einhandelt und ob er bereit ist, sie auszuhalten, wenn die Lage sich dreht. Sichtbarkeit als Expertin oder Experte entsteht aus Aussagen, die eine erkennbare Richtung haben und die in einem halben Jahr noch zur eigenen Praxis passen. Wer stattdessen jede Äußerung so weit glättet, dass sie für alle anschlussfähig bleibt, wird zwar selten widersprochen, aber ebenso selten zitiert – und Zitierfähigkeit ist die Währung, in der sich Autorität heute bemisst.
Quellgrundlage: Handelsblatt, „Lage im Überblick: Trump zu Iran-Diplomatie: ‚Es ist wie eine Schachpartie‘“