Lesezeit: 3 Minuten

Glaubwürdigkeit lässt sich nicht verordnen – wenn Handlung und Haltung auseinanderklaffen

Foto: Pavel Danilyuk / Pexels

Friedrich Merz hat beim Rücktritt von Jens Spahn einen Satz gesagt, der sich in der Luft auflöste, kaum dass er ausgesprochen war: „Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.“ Der Mann, der noch vor Antritt des Kanzleramts sein zentrales Wahlversprechen – die Einhaltung der Schuldenbremse – gebrochen hatte, predigte über den Wert des Vertrauens. Das ist keine kleine Peinlichkeit, sondern ein Lehrstück darüber, wie Kommunikation scheitert, wenn sie vom Handeln entkoppelt ist.

Doppelmoral ist kein Kommunikationsproblem – sie ist ein Führungsproblem

Der unmittelbare Anlass für Spahns Rücktritt vom CDU-Fraktionsvorsitz war der Vorwurf der Doppelmoral in der Frage der Leihmutterschaft, ein privates Thema, das politische Brisanz gewann, weil Spahn öffentlich andere Positionen vertreten hatte als er sie im eigenen Leben umsetzte. Doch wer die Debatte auf diesen Aspekt verengt, greift zu kurz. Die FAZ hat in ihrer Analyse treffend herausgearbeitet, dass Spahn das Amt des Fraktionsvorsitzenden inhaltlich nie so genutzt hat, wie es sein angebliches politisches Profil versprach: keine marktwirtschaftlichen Akzente, frühe Konzessionen in der Steuerpolitik ohne erkennbaren Gegenwert, ein Rentengesetz, das die Sanierung der Alterssicherung erschwert.

Das ist die eigentliche Glaubwürdigkeitslücke, und sie entsteht immer auf dieselbe Weise: Eine Person kommuniziert Haltung, handelt aber nach anderen Kriterien. In der Executive-Positionierung von Führungskräften ist das ein Grundfehler, der sich nicht durch geschicktes Framing korrigieren lässt. Sobald das Handeln die kommunizierte Identität dauerhaft unterläuft, erodiert die Glaubwürdigkeit an der Basis, und kein Redemanagement der Welt kann das wieder aufbauen, solange die Handlungen nicht folgen.

Warum Roland Kochs Verteidigung das Problem verschärfte

Bemerkenswert war die Reaktion von Roland Koch, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, der Spahn öffentlich verteidigte und ihn als einen der „wichtigsten und erfolgreichsten Politiker der Union“ bezeichnete. Aus Kommunikationssicht ist das ein klassischer Fehler: Wenn die Verteidigung eines Rücktretenden durch einen prominenten Unterstützer deutlich stärker klingt als die Beurteilung seiner tatsächlichen Bilanz rechtfertigt, wirkt sie nicht entlastend, sondern zieht umso mehr Aufmerksamkeit auf die Diskrepanz. Stakeholder-Kommunikation funktioniert nicht als Schutzwall; sie funktioniert, wenn die kommunizierten Bewertungen mit dem übereinstimmen, was Beobachter selbst erkennen können.

In der strategischen Unternehmenskommunikation gilt das genauso. Wenn ein Unternehmen nach einem Führungsfehler sofort in den Verteidigungsmodus geht und Loyalität betont, anstatt die Situation nüchtern einzuordnen, verstärkt das in aller Regel das Misstrauen. Öffentlichkeit und Medien lesen das als Signal, dass das Umfeld selbst das Problem nicht erkannt hat – oder nicht benennen will.

Was Carsten Linnemann jetzt kommunikativ liefern muss

Bleibt die Frage, was aus dem Amt wird und was der Nachfolger daraus machen kann. Die FAZ sieht in Linnemann denjenigen, der am wenigsten Vertrauen verspielt hat, attestiert ihm aber auch, in entscheidenden Momenten bisher die nötige Konsequenz vermissen zu lassen. Das ist eine ehrliche Beschreibung eines Musters, das in der Führungskräfte-Positionierung als zentrales Risiko gilt: Wer inhaltlich überzeugt, aber im Moment der Entscheidung zögert, wird als ambivalent wahrgenommen – und Ambivalenz untergräbt Führungsautorität nachhaltiger als ein einzelner Fehler.

Thought Leadership entsteht nicht durch die Summe kluger Aussagen, sondern dadurch, dass eine Führungsperson in relevanten Situationen erkennbar Position bezieht und diese Position auch hält, wenn es unbequem wird. Für Linnemann bedeutet das konkret: Der Fraktionsvorsitz wird ihm nichts nützen, wenn er die inhaltlichen Positionierungen, die ihm bisher den Ruf eines konservativ-liberalen Kompass-Trägers eingebracht haben, nicht in erkennbare, messbare Entscheidungen übersetzt. Die Chance liegt genau darin, dass die Erwartungen an ihn zwar vorhanden, aber bisher nicht enttäuscht worden sind – ein seltenes Ausgangsmaterial.

Das strukturelle Glaubwürdigkeitsproblem der Union

Was der Einzelfall Spahn sichtbar macht, reicht weit über eine Person hinaus. Die Union hat laut FAZ-Analyse ein strukturelles Glaubwürdigkeitsproblem, das sich an mehreren Punkten gleichzeitig zeigt: dem gebrochenen Wahlversprechen zur Schuldenbremse, dem Steuerkompromiss zulasten von Leistungsträgern und dem Rentengesetz, das die Handschrift einer Partei trägt, die ihr eigenes programmatisches Profil in der Koalition nicht durchzusetzen vermochte. Das ist kein Imageproblem, das sich durch besseres Kommunizieren lösen lässt.

Reputationsmanagement setzt voraus, dass Handlungen und Botschaften übereinstimmen. Wo beides auseinanderklafft, kann Corporate Communications nur verlangsamen, was ohnehin geschieht: dass Vertrauen schwindet. Für Linnemann und die Unionsführung heißt das, dass jetzt keine kommunikative Neuaufstellung hilft, wenn ihr keine inhaltliche folgt. Der Satz, den Merz über Glaubwürdigkeit gesprochen hat, wäre dann mehr als ein Versprecher – er wäre eine Beschreibung dessen, was die Union im nächsten Anlauf tatsächlich einlösen müsste.

Dieser Beitrag bezieht sich auf die Analyse der FAZ: „Spahn-Rücktritt: Eine (letzte) Chance für Linnemann“.

Alle Blog-Updates umgehend erhalten!

Bild von Angela Recino
Angela Recino

Journalistin und PR-Strategin
Geschäftsführerin Bewegte Kommunikation