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Widersprüche live moderieren ist keine Kommunikationsstrategie

Foto: cottonbro studio / Pexels

Luigi Pantisano, Co-Vorsitzender der Linken, hat im ZDF-Sommerinterview eine bemerkenswerte Vorstellung gegeben – nicht wegen der Inhalte, die er vertrat, sondern wegen der Art, wie er frühere Aussagen revidierte, ohne dass diese Revision vorbereitet gewesen wäre. Wer den Auftritt aus kommunikationsfachlicher Perspektive betrachtet, sieht dort weniger einen Politiker, der seine Meinung geändert hat, als eine Kommunikationsorganisation, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

Im Juni hatte Pantisano der CDU eine Nähe zum Faschismus unterstellt. Im Sommerinterview entschuldigte er sich dafür gleich zweimal – und kündigte im selben Atemzug an, für Sachsen-Anhalt eine Zusammenarbeit mit eben dieser CDU anzustreben, um „Faschisten zu verhindern“. Die inhaltliche Kehrtwendung wäre politisch vertretbar gewesen, wenn sie erläutert worden wäre. Sie ist kommunikativ gescheitert, weil sie nicht vorbereitet war.

Das Zeitfenster, das die Pressestelle ungenutzt ließ

Zwischen einer öffentlich gemachten Aussage und dem nächsten Medienauftritt liegt ein Zeitfenster, das Kommunikationsverantwortliche aktiv nutzen müssen. Die Frage, die Pantisano im Sommerinterview erwartbar gestellt werden würde, war keine Überraschung: Wer im Juni die CDU offen in der Nähe des Faschismus verortet, muss damit rechnen, dass diese Aussage bei der nächsten Gelegenheit aus dem Archiv geholt wird. Die Pressestelle oder das Kommunikationsteam der Partei hätte vor dem Auftritt entscheiden und schriftlich fixieren müssen, wie diese Position revidiert wird – mit einer klaren, einmaligen Formulierung, die Pantisano nicht erst unter Nachfragedruck entwickeln muss. Das ist kein ungewöhnlicher Anspruch; das ist Basisbetrieb strategischer Unternehmens- beziehungsweise Parteikommunikation.

Stattdessen überließ die Kommunikationsführung die Einordnung dem Interviewten selbst, im laufenden Gespräch. Pantisano moderierte den Widerspruch situativ, und die Moderatorin Diana Zimmermann übernahm weitgehend seine Rahmung. Das Ergebnis: Eine Entschuldigung, die wie eine taktische Vorbedingung für eine politische Kehrtwende wirkte, nicht wie eine ehrliche Positionskorrektur. Der Unterschied zwischen beiden ist für jedes erfahrene Publikum spürbar, auch wenn er sich schwer in Worten fassen lässt.

Wie sich Glaubwürdigkeit kumulativ verbraucht

Der eigentliche Schaden entstand nicht durch einen einzelnen Widerspruch, sondern durch ihre Häufung in einer einzigen Sendung. Auf die CDU-Frage folgte die Darstellung, die Linke könne Automobilkonzerne besser führen als deren aktuelles Management – eine These, die ohne jede Grundlage in Branchenkenntnis oder unternehmerischer Erfahrung vorgetragen wurde. Dann die differenzierte Zurückhaltung bei antisemitischen Äußerungen aus den eigenen Reihen, während islamistischer Terror gleichzeitig in eine allgemeine Kategorie von Extremismus eingeordnet wurde. Jede dieser Stellen wäre für sich genommen eine Kommunikationsherausforderung. In Kombination, innerhalb einer halben Stunde Sendezeit, verstärken sie sich gegenseitig zum Bild taktischer Beliebigkeit.

Glaubwürdigkeit in der öffentlichen Kommunikation funktioniert nicht als Eigenschaft, die man hat oder nicht hat, sondern als Konto, das sich aus konsistenten Handlungen und Aussagen über Zeit aufbaut. Kumulierte Widersprüche in einem einzigen Auftritt ziehen davon mehr ab, als eine einzige Erklärung zurückgeben kann. Das gilt für Parteivorsitzende genauso wie für Unternehmenslenker im Medienauftritt.

Der strukturelle Anreiz zur Inkonsistenz

Pantisanos Auftreten erklärt sich auch durch einen strukturellen Mechanismus, den es lohnt, klar zu benennen: Wer keine Regierungsverantwortung trägt, zahlt für öffentliche Inkonsistenz keinen direkten institutionellen Preis. Die Konsequenz einer widersprüchlichen Aussage zeigt sich nicht im nächsten Haushaltsbeschluss oder in einer Koalitionskrise, sondern allenfalls in Umfragewerten und Medienkommentaren – und auch das nur dann, wenn die Medienberichterstattung die Widersprüche longitudinal verfolgt, was in der täglichen Nachrichtenlogik selten passiert. Das erklärt, warum das Muster immer wieder auftaucht: Extreme Positionen werden ohne inhaltliche Begründung zurückgenommen, weil der aktuelle Moment – Wahlkampf, Koalitionsmathematik, ein Interviewformat mit breiter Reichweite – es gerade zu verlangen scheint.

Für Kommunikationsverantwortliche in Unternehmen ist dieser Mechanismus gleichwohl eine nützliche Beobachtung. Stakeholder, Journalistinnen und Journalisten sowie institutionelle Investoren verfolgen die Aussagen von Führungskräften deutlich systematischer, als das im politischen Diskurs geschieht. Wer im Frühjahr eine Strategie ankündigt und im Herbst eine andere verfolgt, ohne den Übergang erklärt zu haben, verliert das Vertrauen von Analysten und Redaktionen nicht bei der zweiten Abweichung, sondern oft schon bei der ersten.

Was Führungskräfte daraus für ihre eigene Medienarbeit ableiten können

Die Beobachtung aus diesem Auftritt lässt sich in eine handhabbare Regel übersetzen, die weit über den politischen Kontext hinausträgt: Wer eine öffentliche Position revidiert, muss die Revision vor dem nächsten Auftritt in einer einzigen, klaren Aussage formuliert und kommunikativ geschlossen haben – nicht im laufenden Interview unter Nachfragedruck. Das klingt selbstverständlich, ist es in der Praxis aber nicht. Viele Kommunikationsteams bereiten den positiven Gesprächsanteil eines Interviews intensiv vor und vernachlässigen die defensiven Fragen, weil diese unangenehm sind. Die vorhersehbarste Frage ist jedoch immer die, die sich aus der eigenen letzten öffentlichen Aussage zwingend ergibt.

Konkret bedeutet das für die Vorbereitung von Führungskräften auf Medienauftritte: Die Kommunikationsberatung oder die interne Pressestelle formuliert vor jedem Interviewtermin schriftlich mindestens eine Antwort auf die Frage, die das Gegenüber stellen wird, wenn es die letzten drei öffentlichen Aussagen der Führungskraft kennt. Diese Antwort wird nicht improvisiert, sondern abgestimmt – und zwar bevor die Aufnahme beginnt. Widersprüche, die erst auf der Bühne aufgelöst werden, erzeugen das Bild von Taktik, egal wie aufrichtig die Absicht dahinter sein mag. Und das Bild setzt sich fest: in der Berichterstattung, in Social-Media-Reaktionen, und bei den Gesprächspartnern, die beim nächsten Auftritt im Publikum sitzen.

Reputationsmanagement beginnt vor dem Auftritt

Der Fall Pantisano ist kein Sonderfall politischer Kommunikation. Er ist ein gut dokumentiertes Beispiel dafür, was passiert, wenn die Vorbereitung auf einen öffentlichen Auftritt die schwierigen Fragen ausspart. Das beobachtbare Frühzeichen ist dabei oft schlicht: Wenn die interne Vorbereitung keine schriftliche Antwort auf die vorhersehbarste Kritikfrage enthält, ist die Organisation bereits in den Fehler gelaufen, bevor die erste Frage gestellt wird.

Professionelles Reputationsmanagement bedeutet deshalb nicht, jede Frage zu antizipieren – das ist unmöglich. Es bedeutet, die eine Frage zu antizipieren, die sich aus dem eigenen Vorleben im öffentlichen Diskurs zwingend ergibt, und dafür eine Position vorbereitet zu haben, die auch unter Druck trägt. Führungskräfte, die das beherzigen, müssen keine Widersprüche live moderieren. Sie haben die Arbeit vorher erledigt.

Grundlage dieses Beitrags ist das ZDF-Sommerinterview mit Luigi Pantisano, wie es von Tichys Einblick dokumentiert wurde: zum Originalbeitrag.

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Bild von Angela Recino
Angela Recino

Journalistin und PR-Strategin
Geschäftsführerin Bewegte Kommunikation