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Ein neues Aufgabengebiet, das klingt wie eine Erweiterung der bisherigen Verantwortung. Mehr strategische Bedeutung, weniger operatives Kleinklein. Wer das seinem Chef zu verdanken hat, mag sich kurz freuen – bis er merkt, dass die wichtigen Entscheidungen plötzlich woanders fallen und sein Budgetrahmen still und leise geschrumpft ist. Was wie eine Karrierechance aussieht, kann der erste Schritt zur geräuschlosen Trennung sein.
Ein Muster, das Arbeitsrechtler täglich beobachten
Christoph Abeln, Berliner Fachanwalt für Arbeitsrecht und Autor des Buches „Vom Karriereknick zum Comeback“, beschreibt eine Praxis, die in Unternehmen aller Branchen und Größen vorkommt: die verdeckte Entmachtung von Führungskräften. Unternehmen vermeiden kostspielige Abfindungen, indem sie Führungspersonal systematisch demotivieren und degradieren – mit dem Ziel, dass die Betroffenen von sich aus einen Aufhebungsvertrag akzeptieren. Nils Schmidt, Jurist und Vorstand des Verbands für Fach- und Führungskräfte (DFK), bestätigt, dass sein Verband fast täglich mit Fällen konfrontiert ist, in denen lang gediente Führungskräfte der ersten und zweiten Ebene subtil aus dem Unternehmen gedrängt werden sollen.
Was beide Experten übereinstimmend betonen: Die gefährlichste Variante dieser Praxis ist die unsichtbare. Offene Degradierungen und öffentliche Demütigungen sind selten geworden, weil sie rechtliche und reputationsbezogene Risiken für das Unternehmen mit sich bringen. Stattdessen setzt die verdeckte Entmachtung auf Symbole und Strukturen, die von außen sogar wie Beförderungen wirken können.
Warum diese Methode funktioniert und wer sie nicht rechtzeitig erkennt
Das eigentliche Problem liegt in der Psychologie des Prozesses. Führungskräfte, die jahrelang erfolgreich waren, neigen dazu, Veränderungen in ihrem Umfeld zunächst sachlich zu erklären – Umstrukturierung, strategische Neuausrichtung, vorübergehende Ressourcenknappheit. Diese Erklärungen sind nicht abwegig, weil Unternehmen ständig im Wandel sind. Genau darin liegt die Wirksamkeit der Methode: Sie nutzt die Ambiguität unternehmerischer Alltagsrealität und macht es den Betroffenen schwer, das Muster zu benennen, ohne als paranoid zu gelten.
Hinzu kommt eine kommunikative Falle, die ich aus der Beratungspraxis kenne: Wer das Gespräch mit der Unternehmensleitung sucht, wird häufig mit Allgemeinheiten vertröstet oder erhält keine klaren Zusagen. Das Signal, das dahintersteckt, wird selten explizit formuliert, weil Explizitheit rechtlich bindend wäre. Für betroffene Führungskräfte bedeutet das, dass sie auf ein Problem reagieren müssen, das offiziell nicht existiert – und das erfordert sowohl Selbstwahrnehmung als auch die Bereitschaft, unangenehme Schlüsse zu ziehen.
Konkrete Warnsignale, die Führungskräfte ernst nehmen sollten
Abeln und Schmidt nennen verschiedene Anzeichen, die auf eine schleichende Entmachtung hindeuten können. Aus kommunikativer Sicht lassen sich diese Warnsignale sinnvoll bündeln:
- Entscheidungen, die bisher im eigenen Zuständigkeitsbereich lagen, werden ohne Erklärung andernorts getroffen oder gehen an der eigenen Funktion vorbei.
- Personalverantwortung und Budgetkompetenz werden formal oder informell beschnitten, ohne dass eine Reorganisation offiziell kommuniziert wird.
- Der Informationsfluss verändert sich: Man wird später oder gar nicht mehr über relevante Entwicklungen informiert, die den eigenen Aufgabenbereich direkt betreffen.
- Neue Aufgaben oder Titel wirken auf den ersten Blick attraktiver, sind aber mit weniger realem Einfluss verbunden als die bisherige Position.
- Gespräche mit Vorgesetzten werden seltener, kürzer oder bleiben inhaltlich vage, ohne konkrete Perspektiven oder Ziele zu benennen.
Keines dieser Signale ist für sich genommen ein Beweis. Aber ihr gleichzeitiges Auftreten über einen längeren Zeitraum ist ein Muster, das ernstgenommen werden sollte.
Strategische Reaktion statt Abwarten
Aus Sicht der strategischen Kommunikation ist das frühe Erkennen solcher Muster entscheidend, weil die Handlungsoptionen mit der Zeit kleiner werden. Wer zu lange wartet, wird am Ende unter deutlich ungünstigeren Bedingungen verhandeln, als es in einem früheren Stadium möglich gewesen wäre. Arbeitsrechtliche Beratung ist hier kein letzter Ausweg, sondern ein Instrument, das frühzeitig eingesetzt werden sollte, sobald sich das Bild verdichtet.
Darüber hinaus gilt: Führungskräfte, die ihre eigene Sichtbarkeit und Positionierung aktiv gestalten, sind in solchen Situationen strukturell besser aufgestellt. Wer im Unternehmen und im relevanten Marktumfeld als Gestalter wahrgenommen wird und dessen Expertise über die eigene Stelle hinaus bekannt ist, hat mehr Verhandlungsmasse – und mehr Alternativen. Executive Positioning ist in diesem Zusammenhang keine Frage des Egos, sondern des Reputationsmanagements in einem Umfeld, das nicht immer fair spielt.
Den Ausgangspunkt für diesen Beitrag bildet ein Artikel des Handelsblatts über die Methoden, mit denen Unternehmen Führungskräfte zur freiwilligen Trennung bewegen – mit Einordnungen der Arbeitsrechtsexperten Christoph Abeln und Nils Schmidt. Den Originalartikel finden Sie hier.