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Liam und Noel Gallagher sind beim Filmfestival in Venedig erschienen, haben sich fotografieren lassen – und sind dann einfach nicht zur Pressekonferenz für ihre eigene Dokumentation gekommen. Regisseur Will Lovelace stand danach vor den Journalisten und erklärte auf die Frage nach dem Verbleib der Musiker: „Sie waren gerade noch hier, um sich fotografieren zu lassen, also sie sind hier.“ Diese Aussage ist das kommunikative Kernproblem des Abends, nicht das Fernbleiben der Gallaghers selbst.
Kontrollierte Unberechenbarkeit als Markenkern
Für das Verständnis des Vorfalls lohnt sich ein kurzer Blick auf die Mechanik dahinter. Liam und Noel Gallagher haben über Jahrzehnte ein öffentliches Bild aufgebaut, das auf genau dieser Unvorhersehbarkeit basiert. Nach fünfzehn Jahren Streit haben sie sich 2024 versöhnt, eine ausverkaufte Comeback-Tour gespielt und präsentieren in Venedig eine Dokumentation namens „Oasis: Don’t Look Back in Anger“, in der sie sich nach über zwanzig Jahren erstmals wieder gemeinsam einem Interview gestellt haben. Das ist die eigentliche Geschichte. Wer in diesem Kontext die Pressekonferenz meidet, bestätigt nicht Unzuverlässigkeit, sondern liefert dem Publikum genau das, was es von den Gallaghers erwartet. Das Fernbleiben ist, aus Markenperspektive, vollkommen konsistent.
Das Problem liegt woanders: Ein Markenmythos wie dieser kann bei öffentlichen Veranstaltungen funktionieren, wenn das Umfeld auf ihn vorbereitet ist. Wer weiß, dass die Hauptpersonen möglicherweise nicht erscheinen, kann das kommunikativ antizipieren – mit einer klaren Sprachregelung, einem vorbereiteten Statement, einer abgestimmten Reaktion. Stattdessen stand ein Regisseur vor der Presse, der sichtbar unvorbereitet war und mit einer Aussage zitiert wurde, die im besten Fall nach Verlegenheit klingt.
Das eigentliche Problem: wer spricht, wenn die Hauptperson fehlt
Der Fehler liegt nicht darin, dass die Gallaghers gefehlt haben. Er liegt darin, dass die Pressestelle der Produktion denjenigen, der tatsächlich vor den Journalisten saß, ohne belastbare Sprachregelung ins offene Messer laufen ließ. Lovelaces Aussage war keine taktische Antwort, sondern eine Verlegenheitsreaktion – und als solche ist sie es, die in der Berichterstattung hängen bleibt. Der Film rückt in den Hintergrund, stattdessen wird über das Fernbleiben gesprochen.
Das ist ein klassisches Muster in der Medienarbeit: Sobald das Erwartbare ausbleibt, suchen Journalisten nach einer Erklärung, und die erste halbwegs zitierbare Aussage setzt den Rahmen für die Berichterstattung. Wenn die einzige verfügbare Aussage hilflos klingt, klingt die gesamte Pressearbeit hilflos. Dabei hätte die Lösung hier vergleichsweise einfach sein können: eine kurze, souveräne Erklärung, warum die Gallaghers nicht da sind, ergänzt um einen inhaltlichen Schwenk zum Film selbst. Das ist kein Krisenmanagement, das ist gewöhnliche Vorbereitung.
Sprachregelung vor dem Termin, nicht danach
Aus Sicht der strategischen Pressearbeit gilt für diesen Fall eine Regel, die weit über den Anlass hinausgeht: Wer bei einer öffentlichen Veranstaltung nicht sicherstellen kann, dass die Hauptpersonen erscheinen – aus welchem Grund auch immer –, muss denjenigen, die dann tatsächlich auftreten, eine abgestimmte Sprachregelung geben, bevor der Raum sich füllt. Diese Vorbereitung findet idealerweise schriftlich statt, sodass keine Missverständnisse entstehen, wer auf welche Fragen antwortet und in welchem Ton.
Der Frühindikator für solche Situationen ist oft unscheinbar: Das Vorprogramm läuft planmäßig, aber die Verantwortlichkeiten für den Presseauftritt sind kurz vor dem Termin noch mündlich und vage. Wenn zu diesem Zeitpunkt niemand schriftlich festgehalten hat, wer spricht und was gesagt wird, ist der Fehler bereits angelegt – lange bevor ein Journalist die erste Frage stellt. Gerade bei Persönlichkeiten, deren Auftritte bekanntermaßen unberechenbar sind, ist dieser Vorbereitungsschritt keine Option, sondern Pflicht.
Was Executive Positioning hier bedeutet hätte
Es gibt eine weitere Dimension, die in der Berichterstattung kaum auftaucht, aber kommunikativ relevant ist: Die Gallaghers haben mit ihrer Comeback-Tour und dieser Dokumentation ein professionelles Comeback inszeniert, das auf öffentlicher Versöhnung und gemeinsamer Neupositionierung beruht. Das Interview im Film – das erste gemeinsame seit über zwanzig Jahren – ist ein bewusstes Signal. Wenn dann die Pressekonferenz zur Festivalpremiere ohne sie stattfindet und die einzige öffentliche Reaktion des Teams wie eine Notlüge klingt, untergräbt das genau die Kontrolle über die eigene Geschichte, die das Comeback eigentlich demonstrieren sollte.
Wer seine Positionierung bewusst gestaltet, muss auch die Momente kontrollieren, in denen die Öffentlichkeit eine Reaktion erwartet. Das gilt für Rockmusiker genauso wie für Führungskräfte, die sich in einem neuen Kontext positionieren. Ein Comeback braucht glaubwürdige Momente der Präsenz – und wenn die ausbleiben, braucht es zumindest eine Kommunikation, die das souverän erklärt, statt es wegzulächeln.
„Oasis: Don’t Look Back in Anger“ startet am 9. September in deutschen Kinos. Mehr über die PK in der FAZ: zum Artikel.