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Norbert Himmlers späte Einordnung zeigt, wie interne Kommunikationsprozesse öffentlich werden

Foto: DS stories / Pexels

Der Fall Danger Dan beim ZDF hat sich längst von einem programmatischen Streit zu einem öffentlichen Auseinanderfallen interner Abläufe entwickelt. Wer gerade Anspruch auf die zutreffende Darstellung erhebt, entscheidet sich nicht mehr im Sender, sondern in der Berichterstattung.

Zwei Versionen eines Vorgangs

ZDF-Intendant Norbert Himmler hat sich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ schriftlich zu den Ereignissen geäußert und dabei den zeitlichen Ablauf anders beschrieben, als Danger Dan und Igor Levit ihn zuvor dargestellt hatten. Die Künstler hatten den Eindruck erweckt, der Song sei vom Justiziariat zunächst rechtlich gebilligt worden, bevor die Absage kurzfristig folgte. Himmler widerspricht dem: Die Rechtsabteilung habe frühzeitig und unmissverständlich gewarnt, das Lied ohne begleitende Einordnung oder Widerspruch auf der Bühne zu präsentieren. Die Geschäftsleitung sei erst in der Schlussphase der Planung einbezogen worden. Die Kürze des zeitlichen Abstands zwischen Einladung und Absage räumt er ein, ordnet den eigentlichen Fehler aber anders ein: Die grundsätzliche inhaltliche Frage hätte deutlich früher in den Entscheidungsprozess gehört.

Wer von beiden die präzisere Erinnerung hat, lässt sich von außen nicht beurteilen. Aus kommunikativer Sicht ist der interessantere Befund, dass der Widerspruch überhaupt so sichtbar geworden ist, und was das über die interne Koordination verrät.

Informationsgefälle als strukturelles Risiko in der Stakeholder-Kommunikation

In einer Organisation wie dem ZDF arbeiten juristische Prüfung, redaktionelle Verantwortung und Geschäftsführung mit unterschiedlichen Rhythmen und Entscheidungshorizonten. Wenn die Rechtsabteilung frühzeitig ein Signal gibt, das erst spät an die Leitungsebene weiterwandert, entsteht ein interner Informationsstand, der in sich stimmig sein kann, aber außerhalb der Organisation sofort als Widerspruch erscheint, sobald mehrere Beteiligte öffentlich reden. Danger Dan und Igor Levit hatten offenbar den Eindruck, der Prüfprozess sei abgeschlossen und die Teilnahme gesichert. Ob dieses Missverständnis in der Kommunikation zwischen Sender und Künstlern entstanden ist oder durch den internen Ablauf selbst, macht in der öffentlichen Wahrnehmung keinen Unterschied, denn das Ergebnis ist dasselbe: Die eingeladenen Künstler und der Sender beschreiben nachträglich zwei verschiedene Versionen desselben Vorgangs.

Genau das ist das strukturelle Risiko, das bei komplexen Institutionen mit mehreren Entscheidungsebenen immer dann entsteht, wenn externe Beteiligte in einen Prozess einbezogen sind, bevor dieser intern abgeschlossen ist. Der Künstler kommuniziert nach außen, was ihm mitgeteilt wurde. Die Organisation kommuniziert nach außen, was intern beschlossen wurde. Wenn beides auseinanderliegt, entsteht kein Skandal aus böser Absicht, sondern ein Reputationsproblem aus mangelnder Koordination.

Deutungshoheit und der Nachteil des zweiten Wortes

Himmler benennt den Prozessfehler klar und räumt die Kurzfristigkeit der Absage ein. Das ist aufrichtig und sachlich. Aber seine Äußerung kam zu einem Zeitpunkt, zu dem Danger Dan und Igor Levit ihre Lesart der Ereignisse bereits mit erheblicher öffentlicher Aufmerksamkeit platziert hatten. Wer in einer Kontroverse als zweites spricht, übernimmt zwangsläufig die Rolle desjenigen, der erklärt, richtigstellt oder widerspricht, und diese Rolle ist kommunikativ schwächer, unabhängig davon, wessen Version der Wahrheit näher kommt.

Das ist kein Vorwurf an die Entscheidung, sich schriftlich und durchdacht zu äußern. Es ist eine Beobachtung über den Mechanismus: Wer den ersten öffentlichen Rahmen für ein Ereignis setzt, zwingt alle nachfolgenden Kommentare in eine reaktive Position. In der strategischen Unternehmenskommunikation nennt man das den Interpretationsvorsprung der ersten Aussage, und er lässt sich nachträglich nur mit erheblichem Aufwand und selten vollständig korrigieren.

Was der Vorgang für Kommunikationsverantwortliche in Institutionen bedeutet

Himmler bewertet den Song inhaltlich als eine Aufforderung zum gewaltsamen Widerstand ohne ironische Distanz, die eine andere Lesart erlauben würde. Das ist eine klar formulierte Haltung. Ob man ihr zustimmt oder nicht, spielt für die kommunikative Analyse eine nachgeordnete Rolle. Entscheidend ist, dass diese Bewertung offenbar nicht früh genug in den konkreten Planungsprozess eingeflossen ist, sonst wäre die Einladung entweder gar nicht erst ausgesprochen worden oder die Bedingungen wären von vornherein transparent kommuniziert worden.

Öffentlich-rechtliche Medienanstalten stehen dabei unter einem zusätzlichen Erwartungsdruck, den privatwirtschaftliche Unternehmen in dieser Form nicht kennen: Rechenschaftspflicht und Transparenz gelten als Grundvoraussetzungen ihrer Legitimation. Nachträgliche Richtigstellungen werden deshalb kritischer bewertet, weil von ihnen eigentlich erwartet wird, dass ihre internen Prozesse geordnet und nachvollziehbar verlaufen. Wenn der Eindruck entsteht, dass das nicht der Fall war, reicht handwerklich solide Krisenkommunikation allein nicht aus, um das zu heilen. Was gefehlt hat, war eine frühere, koordinierte und für alle Beteiligten verbindliche interne Klärung, bevor externe Partner in einen noch offenen Entscheidungsprozess einbezogen wurden.

Quelle: turi2.de sowie Süddeutsche Zeitung (kostenpflichtig)

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Bild von Angela Recino
Angela Recino

Journalistin und PR-Strategin
Geschäftsführerin Bewegte Kommunikation