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Nolans Odyssee und die Frage, wer das Deutungsrecht über Klassiker hat

Foto: Ann H / Pexels

Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee hat innerhalb weniger Wochen eine Debatte ausgelöst, die weit über das übliche Kinopublikum hinausreicht. Schwarze Helena, Wikingerschiffe, Elliot Page – an diesen Reizpunkten entzündete sich ein Kulturkampfstreit, der nach und nach das abdeckte, was ihn eigentlich interessanter macht: die Frage nämlich, ob ein Film, der sich nach dem größten Epos der Weltliteratur benennt, auch dafür einstehen muss, dessen Geist zu treffen.

Wie Ragebait zur effektivsten Marketingkampagne wird

Aus kommunikativer Sicht ist die Vermarktung des Films ein Lehrstück – wenn auch kein besonders erfreuliches. Schon die ersten Trailer setzten gezielt Reizpunkte, und es wäre reichlich naiv anzunehmen, dass Produktionen dieser Größenordnung solche Entscheidungen dem Zufall überlassen. Das Ergebnis war eine Kettenreaktion: Zuerst die Empörung, dann die Gegenbewegung derjenigen, die dem Hype nicht aufsitzen wollten, dann die Theorie, der Film sei in Wirklichkeit ein subversives Meisterwerk, das seine Kritiker schlicht nicht verstanden hätten. Am Ende saß jeder im Kino, der irgendetwas zu sagen haben wollte.

Was dabei passierte, lässt sich als strategische Stakeholder-Kommunikation lesen, die bewusst polarisierte, um Reichweite zu erzeugen. Die Diversitätsentscheidungen, die im Trailer prominent platziert wurden, nehmen im fertigen Film nach Berichten erstaunlich wenig Raum ein – als hätten sie primär die Funktion gehabt, den Diskurs anzufachen, nicht die Handlung zu tragen. Ob das kalkuliert war oder nicht: Die Wirkung war dieselbe. Wer nicht gesehen hatte, konnte nicht mitreden. Das ist kein Zufall der Mechanik viraler Kommunikation, sondern ihr Herzstück.

Der Preis dafür ist eine systematische Verzerrung der Rezeption. Wenn die Messlatte lautet „immerhin kein offensichtlicher Woke-Mist“, dann fällt es leicht, einen Film für ein Meisterwerk zu halten, der bei nüchterner Betrachtung ambivalenter dasteht. Genau das, was Kommunikationsverantwortliche bei der Reputation von Produkten und Personen kennen: Wer den Kontext kontrolliert, kontrolliert das Urteil – zumindest vorübergehend.

Das eigentliche Problem liegt tiefer als Casting-Entscheidungen

Die Debatte um Hautfarben und Requisiten verstellt den Blick auf einen handwerklich relevanteren Einwand, den der Tichys-Einblick-Artikel von Kai Zehms überzeugend herausarbeitet: Nolan hat sich entschieden, seinen Odysseus als gebrochenen Kriegsveteranen zu inszenieren, als eine Art John Rambo des Bronzezeitalters – und damit die Figur in ihrem Kern verändert. Der Odysseus Homers ist listig, hochmütig, schelmisch; ein Held, dessen Qualität nicht körperliche Stärke, sondern Witz und Sprache ist. Das berühmte Wortspiel mit dem „Niemand“ beim Kyklopen, das im Film fehlt, steht genau dafür. Wenn diese Szene wegfällt, fehlt nicht nur ein Detail, sondern der Charakter selbst.

Nolan beruft sich in Interviews auf den „Geist der Odyssee“, verwendet aber gleichzeitig eine quasi-historische Inszenierung mit Seevölkern und einer Ausstattung, die auf Realismus zielt, während er die Götter weitgehend aus der Erzählung entfernt. Diese Entscheidung, das Mythologische zu rationalisieren und dennoch den Titel des Originals zu beanspruchen, ist das eigentliche Dilemma. Eine freie Neuinterpretation, wie die Coen-Brüder sie mit O Brother, Where Art Thou? vorgelegt haben, erfordert gar keine Werktreue – weil sie den Anspruch gar nicht erst erhebt. Nolan erhebt ihn, und genau dadurch macht er sich an einem Standard messbar, den er dann nicht einhält.

Welches Deutungsrecht haben Adaptionen gegenüber Klassikern?

Dahinter steckt eine Frage, die über Nolans Film hinausgeht und für alle beschäftigt, die sich mit Markenpositionierung, Thought Leadership oder der Frage befassen, wie Institutionen mit dem kulturellen Erbe umgehen, auf das sie sich berufen. Wer ein Werk unter einem bestimmten Namen in die Welt setzt, übernimmt damit auch die Deutungshoheit für einen Teil des Publikums – insbesondere in einer Zeit, in der kaum noch jemand das Original kennt. Der Artikel bringt das scharf auf den Punkt: In einigen Jahrzehnten könnte Nolans deprimierende Version für viele die primäre Referenz der Odyssee sein, weil sie das Original schlicht nicht gelesen haben.

Das ist kein kulturkonservatives Lamento, sondern ein konkretes Kommunikationsproblem. Wer Glaubwürdigkeit beansprucht – ob als Unternehmen, als Führungskraft oder als Regisseur – und dabei auf eine als kanonisch geltende Quelle verweist, trägt die Verantwortung dafür, wie er diese Quelle repräsentiert. Wenn der Verweis auf das Original strategisch genutzt wird, um Prestige zu leihen, ohne dessen Substanz zu tragen, verliert das Versprechen auf Dauer an Glaubwürdigkeit. Das gilt für Filmtitel genauso wie für jede Form von Expertise-Kommunikation, die sich auf Tradition oder etabliertes Wissen beruft.

Was bleibt, wenn der Hype sich setzt

Nolans Odyssee ist nach allem Anschein ein handwerklich kompetenter Blockbuster mit visueller Wucht und einer Vorlage, die filmisch dankbar ist. Der Rezensent des Ausgangartikels hebt das ausdrücklich hervor, und daran ist nichts zu zweifeln. Die Frage ist, was in zwei Jahren davon übrig bleibt, wenn weder die Empörungswelle noch die Gegenreaktion darauf die Wahrnehmung mehr stützt. Dann zählt, ob der Film einen eigenen, haltbaren Standpunkt zur Figur des Odysseus entwickelt hat – und ob dieser Standpunkt trägt, wenn er nicht mehr von Ragebait und Social-Media-Dynamik flankiert wird.

Aus Kommunikationssicht ist das die eigentliche Lehre: Wer auf kurzfristige Polarisierung setzt, um Aufmerksamkeit zu generieren, riskiert, dass die Überbewertung durch eben diese Polarisierung später zur Unterbewertung führt. Das Publikum korrigiert sich, manchmal ruppig. Wer langfristige Reputation aufbauen will – ob als Regisseur, als Marke oder als Führungskraft in der Öffentlichkeit –, braucht Substanz, die auch dann noch steht, wenn niemand mehr über den Hype redet.

Quelle: Kai Zehm, „Der Film, der tausend Tweets hervorbrachte“, Tichys Einblick, tichyseinblick.de

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Bild von Angela Recino
Angela Recino

Journalistin und PR-Strategin
Geschäftsführerin Bewegte Kommunikation