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Medienkritik als Kommunikationsstrategie: Was Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview zeigt

Foto: Mikhail Nilov / Pexels

Wenn ein Bundeskanzler im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sitzt und dort der Redaktion vorwirft, nur Kritiker zu Wort kommen zu lassen, dann ist das kein spontaner Gefühlsausbruch, sondern eine bewusste Kommunikationsentscheidung – und als solche lässt sie sich analysieren.

Was im ZDF-Sommerinterview passiert ist

Journalistin Diana Zimmermann konfrontierte Friedrich Merz in der Sendung mit einem Ausschnitt aus einer Parteitagsrede, in der er „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, Empörte, Berufskritiker“ aufforderte wegzutreten. Als Zimmermann fragte, warum er so „ruppig“ auftrete, wechselte Merz das Terrain: Der gezeigte Ausschnitt sei unvollständig gewesen, davor habe er ein versöhnlicheres Zitat von George Bernard Shaw gebracht. Auch bei seinen umstrittenen Äußerungen über Faulheit und das „Stadtbild“ wies er die Verantwortung zurück – mit dem Argument, dass die vielen zustimmenden Deutschen in der Medienberichterstattung kaum vorkämen. Den Abschluss bildete ein konziliantes Eingeständnis, er könne seine Kommunikation „immer noch verbessern“.

Diese Sequenz ist kommunikationspraktisch sehr aufschlussreich, weil sie ein Muster zeigt, das in der strategischen Unternehmenskommunikation gut bekannt ist: den Angriff auf den Kanal als Antwort auf eine inhaltliche Kritik.

Medienkritik als Ablenkungsmanöver hat einen Preis

Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Wer das Medium delegitimiert, muss den Inhalt seiner Aussagen nicht direkt verteidigen. Das kann kurzfristig funktionieren, weil es die Debatte verschiebt – weg von der eigentlichen Frage, hin zur Frage, ob die Frage überhaupt fair gestellt wurde. Merz betreibt das im Sommerinterview mit einiger Routine: Der Kontext fehle, die Zustimmung in der Bevölkerung werde nicht abgebildet, das Bild sei verzerrt.

Das Tückische an dieser Strategie ist, dass sie die eigene Glaubwürdigkeit langfristig untergräbt, wenn sie zum Dauermotiv wird. Ende April hatte Merz bereits im „Spiegel“-Interview harsche Medienkritik geäußert und dabei erklärt, kein Bundeskanzler vor ihm habe „so etwas ertragen müssen“ – ein Satz, der für sich genommen eher ein Reputationsrisiko als eine Positionierung darstellt. Je öfter ein Akteur pauschal auf Medien zeigt, desto mehr rückt die Frage in den Vordergrund, ob er mit den Inhalten nicht anders umgehen kann oder will.

Aus Sicht der strategischen Kommunikation ist das ein klassischer Fehler: Die Botschaft „Ihr berichtet falsch“ landet beim Publikum oft als „Ich will das nicht beantworten.“ Wer Thought Leadership beansprucht – also erkennbar eine Position einnehmen und für sie einstehen will –, kommt an der inhaltlichen Auseinandersetzung nicht vorbei. Medienkritik kann ein Argument sein, sie ersetzt das Argument aber nicht.

Selektiver Kontext ist ein echtes Problem – aber kein alleiniges

Jetzt wäre es zu einfach, die Kritik am ZDF schlicht wegzuwischen. Dass Medien Ausschnitte verwenden und damit Kontext verkürzen, ist eine strukturelle Realität der Berichterstattung. Das passiert nicht immer absichtlich; Redaktionen wählen das aus, was dramatisch oder konflikthaft ist, weil das Aufmerksamkeit erzeugt. Wer im öffentlichen Leben steht, muss damit rechnen, dass prägnante, zugespitzte Aussagen aus dem Redefluss herausgelöst und verbreitet werden – und sollte seine Kommunikation genau deshalb so gestalten, dass die Kernaussage auch ohne den umgebenden Kontext standhält.

Das ist kein Vorwurf an Merz allein, sondern eine Grundbedingung politischer und unternehmerischer Kommunikation im medialen Betrieb. Wer weiß, dass ein Shaw-Zitat den Ton einer Aussage entscheidend prägt, sollte es so platzieren, dass es im Gedächtnis bleibt – und nicht nur in der vollständigen Redeversion, die kaum jemand anschaut. Die handwerkliche Konsequenz daraus ist Kontrolle über die eigene Verdichtung: Welche drei Sätze aus meiner Rede soll die Öffentlichkeit kennen? Wer diese Frage nicht vorab beantwortet, überlässt die Antwort anderen.

Was Führungskräfte daraus ableiten können

In der Executive-Positionierung begegnet mir dieses Muster regelmäßig: Führungskräfte, die mit einer unangenehmen Interviewfrage konfrontiert werden und auf die journalistische Rahmung statt auf den Inhalt reagieren. Das kann sich im Kleinen als „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“ äußern oder im Großen als genereller Medienverdruss. Beide Varianten erzeugen dasselbe Problem: Sie signalisieren Kontrollverlust, obwohl sie das Gegenteil beabsichtigen.

Wer als Führungsperson Sichtbarkeit anstrebt und dabei Haltung zeigen will, braucht eine andere Grundhaltung gegenüber kritischen Fragen. Die Fähigkeit, einen unangenehmen Vorhalt anzunehmen, ihn zu benennen und dann inhaltlich zu positionieren, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der eigentliche Kern glaubwürdiger Kommunikation. Merz deutet das am Ende des Gesprächs selbst an, wenn er sagt, er könne seine Kommunikation verbessern und denke darüber nach. Das ist der richtige Gedanke – nur käme er wirksamer an, wenn er nicht am Ende eines Interviews stünde, nachdem zuvor dreimal das Medium verantwortlich gemacht wurde.

Quelle: turi2.de, Bezug auf das ZDF-Sommerinterview mit Friedrich Merz sowie das „Spiegel“-Interview vom April.

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Bild von Angela Recino
Angela Recino

Journalistin und PR-Strategin
Geschäftsführerin Bewegte Kommunikation