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Christoph Heuermann hat mit seinem „Staatenlos Freedom Ranking 2026″ etwas getan, das im Grunde jeder Kommunikationsstratege kennt, aber selten so offen benennt: Er hat die Messkriterien ausgetauscht und damit das Ergebnis grundlegend verändert. Wo Heritage Foundation, Cato Institute und Fraser Institute traditionell Länder wie die Schweiz oder skandinavische Staaten an die Spitze setzen, landet Deutschland bei Heuermann auf Platz 158 – knapp vor Kalifornien. An erster Stelle steht Próspera, eine Sonderwirtschaftszone auf einer honduranischen Insel mit etwa einem Prozent Unternehmenssteuer und eigenem Rechtssystem. Das Ranking selbst ist ein libertäres Projekt, das man teilen oder ablehnen kann. Der methodische Kern aber verdient einen nüchternen Blick, weil er einen Mechanismus sichtbar macht, der weit über Geopolitik und Steuerpolitik hinausreicht.
Der Maßstab ist nie neutral
Etablierte Freiheitsindizes bewerten staatliche Funktionsfähigkeit, Rechtsstaatlichkeit, makroökonomische Stabilität – und nennen das Ergebnis „Freiheit“. Heuermanns Einwand ist methodisch präzise: Wer staatliche Leistungsfähigkeit mit individueller Freiheit gleichsetzt, produziert zwangsläufig Rankings, in denen Hochsteuerstaaten mit effizienter Verwaltung gut abschneiden. Das ist kein Messfehler, sondern eine Vorentscheidung darüber, was überhaupt zählen soll. Die Think Tanks, die diese Indizes veröffentlichen, sind im politischen Mainstream verankert; sie können die Steuer- und Überwachungsarchitektur westlicher Demokratien kaum als Freiheitseinschränkung bewerten, ohne die eigene Legitimationsgrundlage zu beschädigen. Also tun sie es nicht, und das Ranking spiegelt diese Entscheidung zurück, ohne sie zu benennen.
Heuermann benennt sie. Sein Index gewichtet sechs Kriterien – darunter Steuern und Expat-Arbitrage mit 20 Prozent, Resilienz und Raum ebenfalls mit 20 Prozent, Geldordnung, Wirtschaft, Eigentum und Selbstbestimmung mit je 15 Prozent. Entscheidend ist dabei nicht nur, welche Kriterien er wählt, sondern dass er die Gewichtung ausdrücklich zur Disposition stellt: Jede Person soll das Ranking nach eigenen Prioritäten kalibrieren. Das ist methodisch konsequent und gleichzeitig ein implizites Argument – nämlich dass Freiheit keine objektiv messbare Eigenschaft eines Staates ist, sondern eine Frage des individuellen Bezugsrahmens.
Positionierung funktioniert nach derselben Logik
Was Heuermann mit Länderrankings vorführt, geschieht täglich in der strategischen Unternehmenskommunikation: Wer die Kategorie definiert, in der ein Unternehmen, eine Führungskraft oder ein Produkt bewertet wird, hat den entscheidenden Schritt bereits getan, bevor irgendeine Botschaft formuliert ist. Ein Mittelständler, der sich an den Kriterien eines DAX-Konzerns messen lässt, wird immer verlieren – Mitarbeiterzahl, Werbebudget, globale Reichweite. Derselbe Mittelständler, der die Kategorie „regionale Marktführerschaft mit 40 Jahren Kundenbeziehung“ besetzt, spielt in einem anderen Feld. Das ist keine Schönfärberei, sondern strategische Positionierung: die bewusste Entscheidung, welchen Maßstab man akzeptiert und welchen man durch einen eigenen ersetzt.
Im Thought Leadership funktioniert dieser Mechanismus besonders deutlich. Eine Führungskraft, die ausschließlich in den Kategorien kommuniziert, die Branchenmedien oder Wettbewerber vorgeben, positioniert sich als Kommentator eines fremden Rahmens. Wer dagegen eine eigene These entwickelt, einen eigenen Begriff prägt oder ein Kriterium einführt, das bisher fehlte, schafft sich einen Raum, in dem er oder sie die Referenz ist – nicht die Antwort auf eine fremde Frage. Heuermann macht genau das: Sein Ranking ist inhaltlich angreifbar, aber es setzt einen Bezugsrahmen, der die Diskussion auf sein Terrain zieht. Wer das Ranking ablehnt, muss erklären, warum er staatliche Effizienz für wichtiger hält als individuelle Steuerlast – und ist damit bereits in Heuermanns Argumentation eingestiegen.
Glaubwürdigkeit erfordert Transparenz über die eigenen Maßstäbe
An dieser Stelle trennt sich seriöse Positionierung von bloßem Framing. Heuermanns Ranking ist deshalb methodisch respektabel, weil er seine Gewichtungen offenlegt und zur Diskussion stellt. Er sagt ausdrücklich: Das sind meine Kriterien, meine Einschätzung, kalibriere sie nach deinen Bedürfnissen. Dieser Zug entwaffnet einen Teil der Kritik, die sonst jeden Ranking-Ersteller trifft – den Vorwurf, Objektivität zu behaupten, wo in Wirklichkeit Wertentscheidungen stecken.
In der Unternehmenskommunikation ist genau diese Transparenz der Punkt, an dem viele Organisationen scheitern. Die Pressestelle, die einen Marktanteil kommuniziert, ohne zu sagen, wie der relevante Markt abgegrenzt ist, oder die Geschäftsführung, die Wachstumszahlen nennt, ohne zu erklären, auf welcher Vergleichsbasis sie berechnet wurden – beides erzeugt kurzfristig Aufmerksamkeit und langfristig Glaubwürdigkeitsprobleme. Journalisten, die diese Lücke bemerken, füllen sie mit eigenen Fragen oder eigener Recherche, und das Ergebnis ist selten das, was die Kommunikationsabteilung sich vorgestellt hat. Transparenz über die eigenen Maßstäbe ist deshalb keine Tugendübung, sondern ein handwerkliches Mittel zur Steuerung der Berichterstattung: Wer seine Methodik offenlegt, behält die Deutungshoheit über sein eigenes Zahlenwerk.
Wann Führungskräfte eigene Kriterien einführen sollten
Die Frage, wann es sinnvoll ist, den etablierten Rahmen zu verlassen und eigene Maßstäbe zu setzen, ist für das Executive Positioning von Führungskräften konkreter zu beantworten, als es auf den ersten Blick scheint. Der richtige Zeitpunkt ist nicht die Krise, sondern die Phase, in der eine Organisation ihre Positionierung schärft, bevor externe Berichterstattung oder Wettbewerbsdruck die Kategorien für sie festschreibt. Wer erst reagiert, wenn ein Branchenreport oder ein Wettbewerber die Vergleichsmaßstäbe gesetzt hat, kämpft immer auf fremdem Terrain – mit Kriterien, die so zugeschnitten sind, dass sie das eigene Angebot strukturell benachteiligen.
In der Praxis bedeutet das: Eine Führungskraft oder eine Kommunikationsverantwortliche sollte im Vorfeld einer Marktpositionierung, einer Produkteinführung oder einer öffentlichen Debatte prüfen, welche Kriterien die eigene Organisation begünstigen und welche sie systematisch schwächen. Der häufigste Fehler dabei ist nicht, die falschen Kriterien zu wählen, sondern gar keine bewusste Wahl zu treffen – die implizite Übernahme des branchenüblichen Rahmens, weil er vertraut ist und weil ein Abweichen als konfrontativ gilt. Diese passive Übernahme kostet Positionierungsmacht, die danach nur schwer zurückzugewinnen ist, weil die eigene Kommunikation dann immer im Verhältnis zu einem Maßstab bewertet wird, den ein anderer gesetzt hat.
Der Unterschied zwischen Rahmensetzung und Wirklichkeitsverweigerung
Eine Einschränkung bleibt notwendig. Eigene Kriterien zu setzen ist kein Freifahrtschein für beliebige Selbstdarstellung. Heuermanns Ranking landet deshalb nicht in der Kategorie Propaganda, weil er die Konsequenzen seiner Methodik konsequent durchzieht – Próspera auf Platz eins, Deutschland auf Platz 158, Nordkorea auf Platz 235 – und damit ein kohärentes, nachprüfbares Bild erzeugt, das seiner eigenen Logik folgt. Wer eigene Maßstäbe setzt, muss bereit sein, auch unbequeme Ergebnisse zu akzeptieren, die aus dieser Methodik folgen. Kommunikationsverantwortliche, die Kriterien nur so lange verwenden, wie sie günstige Ergebnisse produzieren, und sie stillschweigend anpassen, sobald das nicht mehr der Fall ist, verlieren genau die Glaubwürdigkeit, die Rahmensetzung aufbauen soll.
Der praktische Maßstab für die eigene Arbeit ist deshalb dieser: Ein selbst gesetzter Rahmen ist dann kommunikativ belastbar, wenn man die Ergebnisse, die aus ihm folgen, auch dann veröffentlichen würde, wenn sie das eigene Unternehmen schlecht aussehen lassen. Alles andere ist kein Positionierungsinstrument, sondern Schönwetterkommunikation – und das merken sowohl Journalisten als auch Stakeholder früher, als man gemeinhin annimmt. Wer das Thema Reputationsmanagement ernst nimmt, beginnt mit der Konsistenz der eigenen Maßstäbe, lange bevor eine kritische Anfrage eintrifft.
Der Quelltext zu diesem Beitrag ist eine Besprechung von Christoph Heuermanns Buch „Staatenlos. Ein globales (steuer)freies Leben mit der Flaggentheorie“, erschienen bei Next Level Verlag, sowie des Staatenlos Freedom Rankings 2026, veröffentlicht auf Tichys Einblick.