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Neun aufeinanderfolgende Nächte US-Bombardements, iranische Vergeltungsangriffe auf Bahrain und Kuwait, ein brennendes Schiff nahe der Straße von Hormus, Ölpreise erstmals seit Juni wieder über 90 US-Dollar – und mittendrin erklärt US-Außenminister Marco Rubio, man sei „stets offen für Diplomatie“. Wer sich für strategische Kommunikation interessiert, muss in dieser Gemengelage genau hinschauen: Hier ist öffentliche Kommunikation kein Mittel zur Verständigung, sondern ein eigenständiges Kriegswerkzeug.
Gleichzeitige Signale: Eskalation und Gesprächsbereitschaft
Die Parallelität ist auffällig und keineswegs zufällig. Während das US-Militär nach eigenen Angaben iranische Kommandozentralen, Flugabwehranlagen, Raketenabschussvorrichtungen und Kommunikationsnetzwerke angreift, versichert Washington öffentlich seine Dialogbereitschaft – knüpft diese aber an die Bedingung, dass Teheran eine künftige Vereinbarung auch einhalten werde. Diese Konstruktion ist kommunikativ geschickt: Sie hält einen Ausweg scheinbar offen, legt die Verantwortung für dessen Schließung aber vollständig beim Gegner. Gleichzeitig sendet sie ein Signal an Verbündete, Vermittler und internationale Öffentlichkeit, dass die USA als handelnde Partei zwar militärisch entschlossen, aber nicht unbedingt auf maximale Eskalation aus sind.
Donald Trumps Aussagen folgen einer anderen Logik. Er rechtfertigt die jüngsten Angriffe mit dem Tod US-amerikanischer Soldaten, erklärt den Iran habe „militärisch fast alles verloren“, und behauptet, die USA kontrollierten die Straße von Hormus. Diese Äußerungen sind in erster Linie an ein innenpolitisches Publikum gerichtet und folgen dem Muster, in dem militärische Stärke zur primären Botschaft wird. Dass das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf US-Beamte gleichzeitig über mögliche Ausweitungen – Bodentruppen zur Besetzung iranischer Inseln, Bombardierung der Anlage „Pickaxe Mountain“ – berichtet, schafft einen Informationsraum, in dem Drohung und tatsächliche Entscheidung kaum noch zu trennen sind.
Teheran kommuniziert Entschlossenheit nach innen und außen
Die iranische Seite operiert erkennbar mit zwei Zielgruppen gleichzeitig. Außenamtssprecher Ismail Baghai bestätigt, dass Vermittler Vorschläge für eine Verhandlungswiederaufnahme übermittelt hätten – signalisiert damit internationale Ansprechbarkeit –, betont aber zugleich, der Iran werde sich „weiter entschlossen verteidigen“. Die Revolutionsgarden bezeichnen zwei in der Meerenge getroffene Tanker als „Abweichler“, die eine „unsichere Route“ benutzt hätten, und versuchen damit, die Kontrolle über den Seeweg propagandistisch zu behaupten, die Trump ihnen öffentlich gerade abspricht. Solche Deutungskämpfe um geografische und militärische Kontrolle finden nicht zufällig über Nachrichtenagenturen statt: Sie sind Teil der Auseinandersetzung.
Was dabei in Teheran selbst passiert, ist ein anderer, oft vernachlässigter Kommunikationsaspekt: Die Bevölkerung der Millionenmetropole fürchtet laut Handelsblatt-Bericht inzwischen Angriffe auf die Hauptstadt, sollte der Krieg weiter eskalieren. Innergesellschaftliche Kommunikation – also was eine Regierung ihrer eigenen Bevölkerung gegenüber kommuniziert, wovor sie warnt oder was sie verschweigt – ist in Konflikten wie diesem ebenso strategisch wie die Außenkommunikation, auch wenn sie nach außen seltener sichtbar wird.
Durchfahrtsrecht als Kommunikationsschlachtfeld
Die Straße von Hormus ist nicht nur militärisch und wirtschaftlich zentral, sie ist auch ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie Kommunikation und physische Realität ineinandergreifen. Teheran hatte vorab erklärt, nur eine vom Iran vorgegebene Route sei sicher; die Revolutionsgarden bezeichnen Tanker, die diese Route nicht nutzen, als „Abweichler“ und melden Explosionen als deren logische Konsequenz. Trump wiederum erklärt, die USA kontrollierten die Meerenge vollständig. Wer die Definitionshoheit über diese Gasse gewinnt – wessen Darstellung von Kontrolle, Recht und Gefährdung sich international durchsetzt –, beeinflusst direkt, wie Drittstaaten und Reedereien handeln. Stakeholder-Kommunikation auf geopolitischer Ebene funktioniert hier also über die Beeinflussung tatsächlicher Verhaltensänderungen bei neutralen Akteuren.
Was diese Konstellation für strategische Kommunikation zeigt
Man muss kein außenpolitischer Kommentator sein, um aus dieser Situation etwas zu lernen, das auch für Unternehmenskommunikation und Reputationsmanagement relevant ist. Wenn Gesprächsbereitschaft und Eskalation gleichzeitig kommuniziert werden, ist Glaubwürdigkeit das entscheidende Kapital – und sie lässt sich nur dann aufrechterhalten, wenn die öffentlichen Aussagen und das tatsächliche Handeln zumindest in einer nachvollziehbaren Spannung zueinander stehen. Sobald beides zu weit auseinanderfällt, verliert die Botschaft ihre Wirkung bei denjenigen, die man eigentlich überzeugen will: Verbündete, Vermittler, eine internationale Öffentlichkeit, die auf Verlässlichkeit angewiesen ist.
Rubios diplomatisches Signal mag taktisch klug gesetzt sein. Ob es wirkt, hängt nicht davon ab, wie oft er es wiederholt, sondern davon, ob die Adressaten – Teheran, mögliche Vermittler, beobachtende Staaten – ihm Substanz zutrauen. Corporate Communications lehrt dasselbe: Wer in einer Krise gleichzeitig deeskaliert und eskaliert, muss beides öffentlich so aufeinander beziehen, dass Stakeholder noch eine kohärente Erzählung erkennen können. Gelingt das nicht, sprechen beide Signale aneinander vorbei.
Quelle: Handelsblatt – Iran-Krieg: Iran-Krieg wieder in vollem Gang – Hoffnung auf Diplomatie