Auf der World AI Conference in Shanghai hat Xi Jinping erstmals selbst das Wort ergriffen – und das ist für sich genommen schon ein Signal. Seit die Konferenz 2018 ins Leben gerufen wurde, sprach dort nie zuvor der Staatschef persönlich. Dass Xi dieses Jahr die Eröffnungsrede hielt, zeigt, welche strategische Priorität die Kommunistische Partei dem Thema KI inzwischen einräumt.
Was steckt hinter Xis Forderung nach „Offenheit“?
Xi forderte zweierlei gleichzeitig: mehr Kontrolle über die Nutzung von KI im Inneren und mehr Offenheit beim globalen Zugang zur Technologie. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich, auf den zweiten ist es eine kohärente Strategie. Die Forderung nach Offenheit richtet sich erkennbar gegen die USA, die im Juni zeitweise den Zugang zu bestimmten KI-Modellen eingeschränkt hatten – ohne dass Xi einzelne Länder beim Namen nannte. Er ließ lediglich durchklingen, dass nationale Sicherheit nicht als Vorwand dienen sollte, KI-Modelle für andere zu sperren. Diese Formulierung ist diplomatisch verpackt, aber inhaltlich eindeutig.
Parallel dazu haben 29 Länder – darunter Russland, Indonesien und Kasachstan – einen Tag vor Xis Rede eine Vereinbarung zur Gründung einer Weltorganisation für KI-Zusammenarbeit (WAICO) mit Sitz in Shanghai unterzeichnet. China hätte damit eine institutionelle Plattform, um künftig über globale KI-Standards mitzureden und Normen zu setzen. Wer die Standards definiert, gestaltet die Technologie – das ist eine alte Lektion aus der Standardisierungspolitik, und China hat sie offenbar verinnerlicht.
Wie groß ist der technologische Abstand zwischen China und den USA wirklich?
Pünktlich zur Konferenz veröffentlichte das Pekinger Startup Moonshot AI das Modell „Kimi K3″ mit nach eigenen Angaben 2,8 Billionen Parametern – eine Zahl, die die Komplexität und potenzielle Leistungsfähigkeit des Modells illustriert. Zum Vergleich: OpenAI und Anthropic machen ihre Parameterzahlen nicht öffentlich. Marktbeobachter gehen davon aus, dass der Vorsprung der US-Entwickler gegenüber chinesischen Modellen, die zudem günstiger werden, schrumpfen könnte.
Technisch gesehen ist der Wettlauf also offen. Politisch gesehen auch – nur auf einer anderen Ebene. US-Technologieunternehmen werfen chinesischen Konkurrenten vor, amerikanische Technologie illegal genutzt zu haben, um eigene Modelle zu trainieren. Die chinesische Seite bestreitet das. Dieser Konflikt ist symptomatisch für ein grundlegenderes Problem: Es gibt bislang keinen gemeinsamen Rahmen, der technologischen Wettbewerb von unerlaubter Übernahme unterscheidet.
Was bedeutet das für Kommunikation und Positionierung?
Aus Kommunikationssicht ist Xis Auftritt ein Lehrstück in Narrative Setting: Wer den Rahmen einer Debatte definiert – hier „globale Zusammenarbeit gegen nationale Abschottung“ – bestimmt, in welchem Licht die eigene Position erscheint. China positioniert sich als Verfechter offener Technologieentwicklung, während es im Inneren auf Kontrolle setzt. Das ist keine Inkonsistenz, sondern eine bewusste Doppelstrategie, die nach außen Soft Power aufbaut und nach innen Souveränität sichert.
Für Unternehmen und Führungskräfte, die im internationalen Umfeld agieren, lohnt sich ein nüchterner Blick auf diese Entwicklung: Die KI-Frage ist längst keine rein technologische mehr, sondern eine geopolitische – und wer in diesem Umfeld Entscheidungen trifft, muss verstehen, dass Regulierung, Standardsetzung und öffentliche Kommunikation zunehmend als Instrumente von Machtpolitik eingesetzt werden.
Quelle: Handelsblatt – Chinas Staatschef Xi fordert Kontrolle und Offenheit bei KI