Manipulation mit System
Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurden auf X gefälschte Videos verbreitet, die sieben Kandidierende von CDU, SPD, Linkspartei und Grünen mit schweren Straftaten in Verbindung brachten. Die Clips traten dabei nicht als anonyme Postings auf, sondern tarnten sich mit den Logos bekannter Medienmarken wie „Zeit“ und „Spiegel TV“. Der Staatsschutz hat Ermittlungen wegen Verleumdung eingeleitet, das Bundesamt für Verfassungsschutz wertet den Vorgang als ausländische Einflussnahme, und Sicherheitsbehörden gehen von einem russischen Bot-Netzwerk als Urheber aus. Was die Kampagne strukturell kenntlich macht: Die AfD blieb in keinem der Fälle Ziel der Angriffe. (Quelle: turi2.de mit Verweis auf zeit.de)
Medienlogos als Waffe
An diesem Fall lässt sich ablesen, wie kommunikationsstrategisch solche Operationen durchdacht sind. Gefälschte Inhalte entfalten ihre Wirkung vor allem dann, wenn sie in vertraute visuelle Hüllen verpackt werden. Ein Clip, der optisch nach „Spiegel TV“ aussieht, löst beim Publikum ein anderes Maß an Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Weiterverbreitung aus als ein Beitrag ohne Absender. Die gestohlene Markenglaubwürdigkeit ist dabei kein Zufallsprodukt, sondern die eigentliche Methode. Für Redaktionen wie für Kommunikationsverantwortliche in Unternehmen bedeutet das: Das eigene Markenzeichen kann instrumentalisiert werden, ohne dass man selbst irgendeinen Anlass dazu gegeben hat.
Warum das über die Politik hinausgeht
Es wäre bequem, solche Vorgänge als Problem der Sicherheitsbehörden und Parteizentralen zu betrachten. Ich halte das für eine zu enge Lesart, und zwar aus konkreten Gründen:
- Deepfakes und manipulierte Videoclips sind technisch längst kein Aufwand mehr, der nur staatlichen Akteuren offensteht. Auch Unternehmensmarken und Führungspersönlichkeiten können in vergleichbare Szenarien geraten.
- Wer kein belastbares, öffentlich sichtbares Kommunikationsprofil aufgebaut hat, steht im Ernstfall ohne wirksame Gegenstimme da – und die eigene Stimme ist das wirksamste Mittel gegen Fremddarstellung.
- Krisenreaktionspläne, die auf klassische Medienanfragen und Pressemitteilungen ausgerichtet sind, passen auf diese Art von Angriff schlicht nicht.
Vertrauen ist das eigentliche Ziel
Der Fall aus Sachsen-Anhalt zeigt, worauf solche Kampagnen eigentlich abzielen: nicht primär auf die betroffenen Personen, sondern auf das Vertrauen in Medien und Institutionen insgesamt. Jede erfolgreiche Falschdarstellung hinterlässt Spuren, auch wenn sie später richtiggestellt wird – das Dementi erreicht erfahrungsgemäß einen Bruchteil der Menschen, die die ursprüngliche Meldung gesehen haben.
Für die Kommunikationsarbeit folgt daraus, dass kontinuierlich und vorausschauend an Glaubwürdigkeit gearbeitet werden muss, bevor ein Krisenfall eintritt. Wer eine erkennbare Haltung hat, über Jahre hinweg konsistent kommuniziert und eine eigene Öffentlichkeit aufgebaut hat, bietet einer Fremddarstellung weniger Angriffsfläche. Das gilt für Politikerinnen und Politiker ebenso wie für Unternehmenslenker, die zunehmend selbst als öffentliche Personen wahrgenommen werden.
Was das für die Kommunikationsstrategie bedeutet
Auf politischer und rechtlicher Ebene sind schnelle Plattformreaktionen, klare Haftungsregeln und internationale Zusammenarbeit gefordert – diese Diskussion läuft. Auf der Ebene individueller Kommunikationsstrategie stellt sich eine andere Frage: Wie viel Vorarbeit wurde geleistet, bevor etwas schiefgeht? Denn in dem Moment, in dem ein gefälschter Clip kursiert, ist der Aufbau einer glaubwürdigen Gegenstimme bereits zu spät.