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Was am Samstagabend in Berlin geschah
Auf der Abschlussveranstaltung des Christopher Street Day in Berlin fuhr am Samstagabend ein Mann namens Abdul B. mit einem weißen Transporter mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschengruppe. Nach Angaben der Polizei wurden 16 Menschen verletzt, eine Person kam ums Leben. Medienberichte deuten auf einen islamistischen Hintergrund hin, die Ermittlungen laufen. Dieser Text kommentiert nicht den laufenden Strafverfolgungsvorgang, sondern betrachtet, wie Behörden, Medien und Organisationen in solchen Lagen kommunikativ handeln – und was dabei regelmäßig schiefgeht.
Warum Krisenkommunikation in den ersten Stunden über Vertrauen entscheidet
Anschläge auf öffentliche Veranstaltungen erzeugen einen sofortigen Informationssog. Menschen suchen Orientierung, Betroffene suchen Nachrichten über Angehörige, Medien suchen Quellen. In diesem Moment entscheidet sich, welchen Stimmen die Öffentlichkeit vertraut – und das ist keine Frage der Sympathie, sondern der Glaubwürdigkeit. Behörden, die in den ersten Stunden schweigen oder widersprüchliche Angaben machen, verlieren diese Deutungshoheit an andere: an Augenzeugenberichte in sozialen Netzwerken, an Spekulationen, an politische Akteure, die das Informationsvakuum füllen. Die strukturelle Herausforderung besteht darin, dass in einer frühen Ermittlungsphase belastbare Informationen schlicht noch nicht vorliegen – und dass genau dieser Zustand kommunikativ ausgehalten werden muss, ohne entweder zu schweigen oder voreilig zu urteilen.
Der Mechanismus, der dabei so häufig scheitert, ist folgender: Verantwortliche wollen einerseits keine falschen Angaben machen und halten deshalb Informationen zurück. Andererseits entsteht genau durch dieses Zurückhalten der Eindruck, dass etwas verborgen wird. Professionelle Krisenkommunikation löst diesen Widerspruch nicht durch mehr oder weniger Information, sondern durch Transparenz über den eigenen Wissensstand: Was ist gesichert, was wird noch ermittelt, wann gibt es die nächste Lagemeldung? Diese drei Aussagen reichen oft, um das Vertrauen zumindest temporär zu stabilisieren.
Islamistisch motivierte Gewalt als besondere Kommunikationsherausforderung
Wenn Medienberichte auf einen islamistischen Hintergrund hinweisen, verschärft sich die Kommunikationslage auf eine spezifische Weise. Die politische Aufladung setzt ein, bevor die Ermittlungen abgeschlossen sind. Behörden stehen dann vor der Frage, ob und wie sie eine mögliche Tatmotivation benennen – zu früh und auf unsicherer Faktenbasis ist fahrlässig, zu spät oder gar nicht befeuert den Vorwurf der Vertuschung. Beide Extreme schaden der Glaubwürdigkeit auf unterschiedlichen Wegen. Aus Sicht strategischer Unternehmenskommunikation lässt sich das auf einen einfachen Grundsatz bringen: Fakten benennen, Bewertungen kennzeichnen und Spekulationen ausdrücklich als solche markieren – oder weglassen. Dieser Grundsatz gilt für Pressesprecher von Behörden genauso wie für Vorstandsvorsitzende in einer Unternehmenskrise.
Hinzu kommt die Frage, wie Veranstalter und zivilgesellschaftliche Organisationen wie die CSD-Organisatoren kommunizieren. Sie sind in einem solchen Moment keine unbeteiligte Partei, sondern direkt betroffene Akteure mit einer eigenen Fürsorgepflicht gegenüber Teilnehmenden und einem legitimen Interesse, die eigene Haltung zu dem Geschehen öffentlich zu artikulieren. Wer in dieser Situation schweigt, hinterlässt eine Lücke; wer zu schnell in politischen Kategorien argumentiert, riskiert, als Instrument einer bestimmten Deutung wahrgenommen zu werden. Die glaubwürdigste Reaktion ist meistens die, die zunächst das Leid der Opfer in den Mittelpunkt stellt, bevor sie irgendeinen anderen Aspekt adressiert.
Medienarbeit unter Druck: Geschwindigkeit und Sorgfalt zugleich
Für Kommunikationsverantwortliche und Führungskräfte, die Medienarbeit in Krisenlagen verantworten, lässt sich aus diesem Fall ein konkreter Schluss ziehen: Die erste offizielle Stellungnahme ist selten die wichtigste – entscheidend ist die Konsequenz und Verlässlichkeit der Kommunikation über die ersten Stunden und Tage. Wer einmal eine Zahl korrigieren muss oder eine frühe Einschätzung zurücknimmt, verliert damit nicht zwingend Vertrauen, sofern die Korrektur transparent und ohne Zögern erfolgt. Vertrauen geht verloren, wenn Korrekturen erst dann kommen, wenn sie von außen erzwungen werden.
Das Berliner Attentat auf den CSD ist, bei allem Entsetzen über die Tat selbst, auch ein Fall, der zeigt, wie eng Reputationsmanagement und tatsächliche Krisenbewältigung miteinander verknüpft sind. Behörden und Organisationen, die in solchen Lagen kommunikativ versagen, verlieren nicht nur kurzfristig öffentliches Vertrauen, sondern beschädigen langfristig ihre Legitimität. Das ist keine abstrakte Warnung, sondern ein Muster, das sich bei vergleichbaren Ereignissen der vergangenen Jahre immer wieder beobachten lässt.
Quelle: Tichys Einblick – Originalbericht zum Berliner CSD-Anschlag