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Die öffentliche Debatte über Künstliche Intelligenz folgt einer eigentümlichen Logik: Datenschutzrisiken, Halluzinationen, Vertrauensverluste – wer die Schlagzeilen liest, gewinnt den Eindruck, Unternehmen tasteten sich vorsichtig an eine unberechenbare Technologie heran. Die Menschen, die täglich mit dieser Technologie arbeiten, berichten etwas anderes, und diese Differenz ist der eigentlich interessante Befund.
Die Deutsche Social Collaboration Studie, die Campana & Schott gemeinsam mit der FAZ-Gruppe zum achten Mal durchgeführt hat, liefert dazu belastbare Zahlen: Rund vier von fünf der befragten mehr als 200 Führungskräfte aus der DACH-Region melden Effizienz- und Produktivitätsgewinne durch generative KI. Knapp 85 Prozent möchten die Technologie in ihrer täglichen Arbeit nicht mehr missen. KI-Agenten kommen bereits im IT-Support, im Kundenservice und im Projektmanagement zum Einsatz, und ein Viertel der befragten Unternehmen hat inzwischen organisatorische Strukturen wie „Center of Excellence“ oder „Agent Factory“ aufgebaut – ein Reifegrad, der über die Phase der Pilotprojekte deutlich hinausreicht.
Warum das Krisennarrativ entsteht, obwohl die Nutzungserfahrung anders aussieht
Die Lücke zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Nutzungsrealität ist kein Zufall und auch kein Versagen einzelner Medien. Sie folgt einem strukturellen Mechanismus, der sich bei jeder disruptiven Technologie beobachten lässt: Regulatoren, Kritikerinnen und Journalisten haben gute Gründe, sich mit Risiken zu beschäftigen, weil genau das ihre Aufgabe ist. Unternehmen, die KI produktiv nutzen, haben dagegen wenig Anreiz, sich dazu öffentlich zu äußern – Wettbewerber könnten davon profitieren, Compliance-Abteilungen raten zur Zurückhaltung, und der Kommunikationsaufwand übersteigt oft den wahrgenommenen Nutzen. So entsteht eine systematische Schieflage in der öffentlichen Debatte, in der Bedenken artikuliert werden und positive Nutzungserfahrungen intern bleiben. Das Krisennarrativ speist sich damit weniger aus der Sache selbst als aus dem Schweigen derer, die das Gegenteil erleben.
Für Kommunikationsverantwortliche hat dieser Befund eine unmittelbar interne Seite. Wenn Führungskräfte in Besprechungen die Krisendebatte aus den Medien zitieren, obwohl KI im eigenen Haus längst produktiv läuft, und niemand die eigene Praxis dagegenhält, ist das ein Frühindikator für eine Kommunikationslücke. Sie lässt sich schließen, allerdings nur, solange sie erkannt wird, bevor sie sich zu einer Stimmung verfestigt hat. Wer die Anzeichen übergeht, verhandelt einige Monate später über die Deutung der eigenen Arbeit – und zwar mit Argumenten, die aus fremden Schlagzeilen stammen.
Reputationsmanagement beginnt mit der eigenen Datenlage
Hier liegt der strategische Kern, der über den Einzelfall hinausgeht. Wer als Unternehmen zur eigenen KI-Nutzung kommunizieren will – intern gegenüber Mitarbeitenden, extern gegenüber Partnern, Investoren oder der Öffentlichkeit –, braucht zuerst eine belastbare interne Datenlage: Was nutzen welche Teams, mit welchen Ergebnissen, unter welchen Governance-Bedingungen? Ohne diese Grundlage bleibt jede Positionierung angreifbar, so selbstbewusst der Ton auch sein mag. Ein Vorstand, der sagt „Wir nutzen KI erfolgreich und sicher“, ohne das mit internen Erfahrungswerten unterlegen zu können, liefert eine Behauptung. Wer auf systematisch erhobene Praxisdaten verweisen kann, formuliert eine Position, die einer Nachfrage standhält. Dass auch die Aussagen eines Chatbots dem Unternehmen zugerechnet werden, macht diese Bestandsaufnahme zusätzlich zu einer Frage der Haftung und nicht allein der Darstellung.
Die Studie führt dieses Muster im Großen vor: Durch die systematische Befragung von mehr als 200 Führungskräften entsteht eine Datenbasis, die dem medialen Krisennarrativ etwas Konkretes entgegensetzt. Dieselbe Logik gilt im Kleinen für einzelne Unternehmen. Eine Unternehmenskommunikation, die frühzeitig – also bevor die externe Debatte die interne Stimmung kippt – ein strukturiertes Bild der eigenen KI-Nutzung erhebt und dokumentiert, hat anschließend etwas in der Hand und kann kommunizieren, statt zu reagieren. Reputationsmanagement ist an dieser Stelle zunächst Datenarbeit und erst danach Sprachhandwerk.
Wer zu spät einsteigt, verhandelt über eine bereits vergebene Deutungshoheit
Kommunikationsverantwortliche warten häufig ab, bis das externe Krisennarrativ so laut wird, dass es intern Verunsicherung erzeugt. Erst dann beginnt die Positionierung, zu einem Zeitpunkt also, an dem die Deutungshoheit bereits an Kritikerinnen, Regulatoren oder Medien abgegeben wurde. Das Unternehmen tritt defensiv auf, obwohl seine eigene Nutzungserfahrung eine selbstbewusste Haltung erlaubt hätte. Der Schaden ist dabei weniger ein Imageproblem nach außen als ein Vertrauensproblem nach innen: Mitarbeitende, die KI täglich nutzen und damit gute Erfahrungen machen, erleben eine Führung, die öffentlich schweigt oder zögert, während sie selbst längst weiter sind. Das erzeugt Orientierungslosigkeit und, in Organisationen unter stärkerem Transformationsdruck, auch Frustration.
Der Ablauf lässt sich anders organisieren. Die Geschäftsführung gibt die Kommunikationslinie zur KI-Nutzung frei, bevor die erste kritische Medienanfrage eingeht oder das Thema in einer Betriebsversammlung eskaliert. Die Unternehmenskommunikation arbeitet dafür im Vorfeld die interne Praxis auf und klärt, welche Anwendungsfälle stabil laufen, welche Governance-Strukturen greifen und wo tatsächlich noch offene Fragen liegen. Diese Aufbereitung dauert Wochen, nicht Monate, aber sie muss vor der ersten öffentlichen Aussage stattfinden. Wer die interne Bestandsaufnahme überspringt und direkt zur Außendarstellung geht, macht Aussagen, die eine Journalistin mit zwei konkreten Gegenfragen erschüttert – und die eigene Belegschaft meist noch schneller. Genau an diesem Punkt wird sichtbar, dass Reputation eine betriebswirtschaftliche Größe ist und keine Frage des guten Auftretens.
Weiterbildung als Voraussetzung glaubwürdiger interner Kommunikation
Die Studie benennt eine weitere Baustelle, die für die strategische Unternehmenskommunikation unmittelbar relevant ist: 83 Prozent der befragten Führungskräfte sehen Handlungsbedarf beim Aufbau von KI-Kompetenz und Weiterbildung – und zwar dieselben Führungskräfte, die diesen Kompetenzaufbau in ihren Organisationen verantworten. Sie beschreiben eine Lücke, für die sie selbst zuständig sind, was man als bemerkenswert offenes Eingeständnis lesen kann. Aus Kommunikationssicht ist es vor allem ein Warnsignal, denn wo Kompetenz und Technologieeinsatz auseinanderdriften, entsteht neben dem Qualifizierungsproblem ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Führungskräfte, die eine Technologie nicht ausreichend verstehen, können sie gegenüber ihren Teams nicht glaubwürdig einordnen. Sie begegnen Bedenken nicht sachlich, erklären Governance-Entscheidungen nicht überzeugend und verankern die eigene Organisation nicht in einer Haltung, die auf Erfahrung statt auf Hörensagen beruht. Wer Thought Leadership zur KI-Nutzung im eigenen Unternehmen beansprucht, braucht dafür mehr als eine kommunikative Oberfläche; er braucht das Verständnis, das eine glaubwürdige Einordnung überhaupt erst möglich macht. Systematische Qualifizierung, die über die IT-Abteilung hinausgeht und die Führungsebene einschließt, gehört deshalb zu den Voraussetzungen funktionierender interner Kommunikation – und ebenso dazu, dass Executive Positioning inhaltlich trägt und nicht beim Auftrittstraining stehen bleibt.
Die Kommunikationslücke ist der eigentliche Befund
Die wichtigste Erkenntnis der Studie liegt nicht im Nachweis, dass KI funktioniert; das war für viele Anwender längst klar. Sie liegt in der Beschreibung einer Kommunikationslücke mit systematischem Charakter: Unternehmen, die KI erfolgreich nutzen, sprechen kaum darüber. Dabei wäre genau diese Kommunikation, nach innen wie nach außen, ein Beitrag zur Versachlichung einer Debatte, die bislang mehr von Projektionen als von Praxiserfahrungen lebt. Wer sie führt, verschafft sich zugleich einen Vorsprung in einem Feld, in dem Medienarbeit und Stakeholder-Kommunikation gerade neu sortiert werden.
Für die Unternehmenskommunikation folgt daraus eine konkrete Aufgabe: die interne Nutzungserfahrung systematisch erfassen, daraus eine tragfähige Positionierung entwickeln und diese proaktiv in der internen wie externen Stakeholder-Kommunikation verankern, lange bevor das Thema extern eskaliert oder intern Verunsicherung erzeugt. Unternehmen, die so vorgehen, treten als handelnde Akteure auf. Wer abwartet, überlässt anderen die Deutung der eigenen Praxis und bekommt sie später als Frage zurück, die dann unter Zeitdruck beantwortet werden muss.
Quelle: FAZ / Campana & Schott, Deutsche Social Collaboration Studie (8. Auflage), erschienen unter: faz.net