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Authentizität als Marketingstrategie: Wer profitiert wirklich von User Generated Content?

Foto: Kevin Malik / Pexels

User Generated Content – kurz UGC – ist längst kein Nischenphänomen mehr, sondern ein fester Bestandteil professioneller Marketingstrategien. Die Idee dahinter ist bestechend einfach: Wenn echte Menschen über ein Produkt sprechen, wirkt das glaubwürdiger als jede hochbudgetierte Kampagne. Aber wer genau profitiert von diesem Effekt, und auf wessen Kosten entsteht diese Glaubwürdigkeit?

Der psychologische Mechanismus hinter der Werbewirkung

Bei klassischer Werbung ist Konsumentinnen und Konsumenten bewusst, dass jemand eine Überzeugungsabsicht verfolgt. Die kognitive Abwehr ist aktiv. Bei UGC ist das anders, wie Jan Landwehr, Medien- und Konsumentenpsychologe an der Goethe-Universität Frankfurt, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärt: Weil die Botschaft wie ein persönlicher Erfahrungsbericht aufgebaut ist, hinterfragen Nutzerinnen und Nutzer sie seltener. Das ist kein Zufall, sondern der eigentliche Wert dieser Marketingform für Unternehmen.

Die Strategie funktioniert, weil sie sich an etwas anheftet, das sozial tatsächlich wertvoll ist: die persönliche Empfehlung. Vertrauen entsteht im zwischenmenschlichen Umfeld über Erfahrung und Beziehung. UGC imitiert genau dieses Format, ist aber in aller Regel bezahlte Kommunikation. Der Werbecharakter tritt bewusst in den Hintergrund, die Produktpräsentation orientiert sich an Alltagsnähe statt an Kampagnenlogik. Für Marken ist das ein effektives Instrument, für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet es jedoch, dass die Grenze zwischen ehrlicher Empfehlung und kommerziellem Auftrag zunehmend schwerer zu erkennen ist.

Glaubwürdigkeit ohne Regulierungsrahmen

Während klassische Werbung, insbesondere im Gesundheitsbereich, strenge Nachweispflichten kennt und mit dem Deutschen Werberat eine Selbstkontrollinstanz besitzt, fehlt im Influencer- und UGC-Marketing eine vergleichbare Struktur weitgehend. Landwehr beschreibt die Situation treffend als „Wilden Westen“. Die Branche hat sich über Jahre nur schrittweise reguliert; bezahlte Beiträge mussten anfangs nicht einmal als Werbung gekennzeichnet werden.

Das erzeugt strukturelle Probleme, die über einzelne schwarze Schafe hinausgehen. Wenn Creator Produkte empfehlen, deren Wirkversprechen wissenschaftlich nicht belegt sind, bewegen sie sich in einer Grauzone, die klassische Werbetreibende nicht nutzen dürften. Hinzu kommt der psychologische Hebel der parasozialen Bindung: Die enge gefühlte Beziehung zwischen Creator und Community kann subtilen Druck erzeugen. Landwehr nennt das Beispiel von Haustierprodukt-Werbung, bei der implizit das Wohlbefinden des Tieres von der Kaufentscheidung abhängig gemacht wird. Das ist ein wirkmächtiger Mechanismus, der bei aufmerksamkeitsstarken Persönlichkeiten mit großer Community erhebliche Reichweite entfaltet.

Verantwortung lässt sich nicht outsourcen

UGC-Creatorin Sarah Fabian aus Frankfurt beschreibt in dem Horizont-Bericht, wie sie bereits Anfragen abgelehnt hat, weil die Vorgaben der Marke nicht den tatsächlichen Produkteigenschaften entsprachen. Diese individuelle Haltung ist respektabel, löst das strukturelle Problem aber nicht. Einzelne Creators, die integer handeln, sind kein Ersatz für klare Regeln, die für alle gelten. Das gilt auch für Unternehmen, die UGC einsetzen: Wer Inhalte in Auftrag gibt, die bewusst den Werbecharakter verschleiern, trägt Verantwortung für den Vertrauensmissbrauch, auch wenn das Gesicht vor der Kamera jemand anderes ist.

Aus Sicht strategischer Unternehmenskommunikation ergibt sich daraus eine unbequeme, aber notwendige Frage: Was ist der langfristige Reputationsschaden, wenn eine Marke maßgeblich über Kanäle kommuniziert, die auf kognitiver Unterschätzung des Werbecharakters beruhen? Kurzfristig funktioniert der Effekt messbar gut, wie Zahlen aus der DAK-Gesundheit-Sonderanalyse belegen: 47 Prozent der 10- bis 17-Jährigen werden durch Social-Media-Werbung auf Produkte aufmerksam, 40 Prozent durch Influencer-Empfehlungen. Gerade bei einer so jungen Zielgruppe sollte die Frage nach ethischer Kommunikation nicht im Kleingedruckten verschwinden.

Reichweite ohne Substanz ist kein Thought Leadership

UGC berührt einen breiteren Trend, der für die strategische Positionierung von Unternehmen relevant ist: den Hunger nach Authentizität als Wettbewerbsvorteil. Das Münchner Unternehmen Airup etwa setzt gezielt auf UGC, um ein junges Publikum zwischen 15 und 35 Jahren anzusprechen, weil reale Produktnutzung Vertrauen schafft, das Markenwerbung allein nicht herstellen kann. Das ist ein legitimer kommunikativer Ansatz, wenn er auf tatsächlicher Substanz beruht.

Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob die eingesetzten Creators wirklich hinter dem stehen, was sie zeigen, oder ob Alltagsnähe nur simuliert wird. Für Marken, die nachhaltig sichtbar sein wollen, lohnt es sich, UGC nicht allein als Conversion-Instrument zu denken, sondern als Teil einer glaubwürdigen Kommunikationsstrategie, die einer Prüfung standhält. Denn Glaubwürdigkeit, die auf dem Verbergen kommerzieller Absichten beruht, ist keine Glaubwürdigkeit – sie ist Markt-Kommunikation mit Verfallsdatum.

Quelle: Horizont – Persönliche Empfehlungen: Das neue Geschäft mit User Generated Content in Social Media

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Bild von Angela Recino
Angela Recino

Journalistin und PR-Strategin
Geschäftsführerin Bewegte Kommunikation